Summary
Highlights
Sönke Neitzel, ein renommierter Militärhistoriker, dessen Warnungen vor einem möglichen Krieg mit Russland oft zitiert werden, erklärt, dass er heute optimistischer ist als im vergangenen März. Er relativiert seine frühere Aussage über den 'letzten Sommer in Frieden' und führt die verbesserte Lage in der Ukraine und die gestiegenen Investitionen in die NATO als Gründe an. Dennoch betont er, dass Szenarien eines Krieges mit Russland, wenngleich nicht der 'ganz große Krieg', weiterhin möglich sind, insbesondere begrenzte Konflikte oder Cyberangriffe.
Neitzel kritisiert die naive Haltung eines Teils der deutschen Bevölkerung gegenüber Russland, insbesondere in Ostdeutschland, wo antiamerikanische Ressentiments aus der DDR-Zeit noch stark verwurzelt seien. Er argumentiert, dass Deutschland und Angela Merkel erfolglos versucht haben, Russland entgegenzukommen. Die Schlussfolgerung sei, dass Diplomatie und friedliche Koexistenz nur mit starken Streitkräften funktionieren. Er betont, dass die Ignoranz dieser 'banalen Erkenntnis' über 30 Jahre hinweg zu einer gefährlichen Situation geführt hat.
Neitzel weist die Kritik des Philosophen Richard David Precht zurück, der seine Warnungen als Panikmache abtat. Er erklärt, dass Putins Handlungen aus dessen Sicht rational sein können, auch wenn sie für den Westen irrational erscheinen. Er warnt vor der Möglichkeit, dass Putin die Entschlossenheit der NATO testen könnte, beispielsweise durch einen begrenzten Angriff auf das Baltikum. Neitzel vertritt die Ansicht, dass die NATO in einem solchen Fall entschlossen handeln muss, um Putin nicht in der Annahme zu bestärken, dass die europäischen Staaten schwach sind.
Die Gefahr des Einsatzes taktischer Nuklearwaffen ist für Neitzel real, aber er glaubt, dass die NATO, insbesondere mit Unterstützung Chinas – das kein Interesse an der nuklearen Eskalation hat –, Russland davon abhalten kann. Er argumentiert, dass eine zu defensive Haltung die NATO erpressbar machen würde. Die Lehre aus dem Kalten Krieg sei, dass eine entschlossene Verteidigungsbereitschaft den Frieden sichert.
Neitzel beschreibt das Kriegsgeschehen in der Ukraine als Abnutzungskrieg Russlands, dessen primäres Ziel es ist, die Ukraine zu schwächen, nicht unbedingt Gebietsgewinne zu erzielen. Er erläutert, wie ein Eingreifen von Elon Musk die technologische Überlegenheit der Ukraine zeitweise gestärkt hat. Trotz dieser Fortschritte bleibt die Frage, wie die Ukraine zu einem vorteilhaften Frieden kommen soll, da die finanzielle und militärische Unterstützung des Westens immer noch nicht ausreichend ist, um Russland zu besiegen.
Neitzel kritisiert die Dysfunktionalität der Bundeswehr, die durch eine aufgeblähte Verwaltung und mangelnde Effizienz in der Beschaffung gekennzeichnet sei. Er fordert tiefgreifende institutionelle Reformen, um die Bundeswehr auf die moderne Landes- und Bündnisverteidigung vorzubereiten. Die europäische Verteidigungsintegration scheitert seiner Meinung nach an mangelnder politischer Führung und der Tendenz der einzelnen Staaten, nationale Interessen über europäische Zusammenarbeit zu stellen.
Neitzel betont, dass die notwendige deutsche Aufrüstung stets diplomatisch in einen europäischen Kontext eingebettet werden muss. Die Sorge vor einem erneuten deutschen Militär macht es unerlässlich, die Pläne im europäischen Verbund zu kommunizieren. Abschließend äußert Neitzel die Hoffnung, dass die aktuelle Wahrnehmung der Kriegsgefahr, ähnlich wie im Kalten Krieg, eines Tages als übertrieben erscheinen könnte, und dass sich die Vorbereitung gelohnt hat, ohne dass es zu einer tatsächlichen Eskalation kam.